Evangelische Kirchengemeinde
 Höhr-Grenzhausen

Glaube konkret


Liebe Leserinnen
                 und Leser,

Ich erinnere mich an einen Nachbarn, der
findet Anfang Dezember einen Schokoladen-Nikolaus vor seiner Tür. Edle Schokolade, keine Massenware. Der Schokoladenmann steht dort ohne Karte, ohne Gruß, nur das aufgedruckte Lächeln auf seinem Gesicht.
Die Frau des Nachbarn lacht, als er den Nikolaus mit der Zeitung hereinbringt, aber er empört sich: „Wer macht denn sowas, ohne Karte?“ „Ja, so eine Unverschämtheit, ein Nikolaus!“, grinst seine Frau.
Der Nikolaus bleibt auf dem Küchentisch, aber er wird nicht angerührt. Zuerst kommen meinem Nachbarn alle in den Kopf, die sich einen schlechten Scherz mit ihm erlauben könnten, denn dass ein Haken an dem Nikolaus sein muss, davon ist er überzeugt. Oder sogar vergiftet? Nein, soweit würde keiner gehen, den er kennt.
Am zweiten Tag steht der Nikolaus immer noch da. Einer ist ihm in den Sinn gekommen:
„Ja, dem würde ich das zutrauen“. Und er erzählt mir von einem entfernten Bekannten, der eigentlich immer erst zum Jahresende vorbei kommt, um einen Gruß zu bringen.
Einen Gruß, über den er sich jedes Jahr freut. Vielleicht ist der dieses Jahr früher gewesen und hat sie nicht angetroffen.
Mit einem Mal ist kein Haken mehr an dem Nikolaus, sondern er bringt meinen Nachbarn dazu, im Geist alle „abzuklappern“, denen er einen solchen Gruß zutraut. Ihm fällt noch ein Ehepaar aus der Nachbarschaft und ein ehemaliger Arbeitskollege ein. Der Schoko-Weihnachtsmann steht immer noch auf dem Küchentisch – mit einem Mal in Gedanken umgeben von allen, die ihn vielleicht oder wahrscheinlich oder hoffentlich gebracht haben könnten.
Advent ist eine besondere Zeit mit Geheimnis, Hoffen und Schokolade. Gott nähert sich. Und macht uns zu Menschen, die anderen Gutes zutrauen, die hoffen.

 

Seht auf und erhebt eure Häupter, weil sich eure Erlösung naht. Sagt Jesaja. Und fordert in seiner Zeit dazu auf, aus dem Blick in die ewige Hoffnungslosigkeit, in politische Aussichtslosigkeit, in einen Alltag voller Mühe, aus dem man die Ernte an Reiche abgeben muss, aufzusehen. Hebt den Kopf.
Das hat der Schoko-Nikolaus bei meinem Nachbarn geschafft. Sein Alltag und unsere Lebensumstände sind kaum zu vergleichen mit der Zeit des Jesaja. Aber auch ihn habe ich oft mit gesenktem Blick erlebt, er war ein Grübler. Oder barsch, weil „die da oben doch eh nichts machen!“. Manchmal war er auch ungerecht zu den Menschen, die er am meisten mag. So wie wir manchmal eben sind.
Hebt den Kopf.
Erst kreist er um den Nikolaus wie so oft: Mit gesenktem Blick, von allen nur das Schlechteste erwartend. Dann sieht er auf, ist ein bisschen weniger misstrauisch. Und am
Ende fallen ihm viele, viele Menschen ein, denen er Gutes zutraut. Und von denen ihn ein Geschenk nicht überraschen würde.
Das ist für mich Advent: Etwas mehr den Kopf heben als sonst. Weil die Tore sich öffnen.
Den Menschen etwas mehr zutrauen als sonst, weil Gott Mensch wurde.
Mir eine Freude machen lassen, mich beschenken lassen, ohne das Gefühl, etwas zurückgeben zu müssen. Weil Gott das Leben schenkt.
Mein Nachbar hat den Schoko-Nikolaus damals doch noch gegessen, er gab mir ein Stück ab. Bis heute weiß er nicht, wer ihn ihm vor die Tür gestellt hat.
Aber er traut es vielen zu.


Monika Christ
Pfrin.Christ

 

Seht auf und erhebt eure Häupter,
weil sich eure Erlösung naht.
Lk 21,28